Spaced Repetition heißt auf Deutsch "verteilte Wiederholung": Du wiederholst Lernstoff nicht am Stück, sondern in immer größeren Abständen, und zwar kurz bevor du ihn vergessen würdest. Statt fünfmal am Abend vor der Prüfung liest du eine Vokabel heute, morgen, in drei Tagen, in einer Woche, in drei Wochen. Jede Wiederholung kostet ein paar Sekunden, und der Stoff sitzt danach deutlich länger.
In diesem Artikel findest du, was hinter der Methode steckt (mit den echten Zahlen von Ebbinghaus statt der üblichen geschönten Kurve), welche Abstände die bekanntesten Werkzeuge tatsächlich verwenden, wie du ohne App mit einer Lernkartei anfängst und welche Apps es in Deutschland gibt, was sie kosten und wo ihre Schwächen liegen.
Was ist Spaced Repetition?
Die Idee hat zwei Teile, und beide sind wichtig:
- Du fragst dich selbst ab. Du liest nicht noch einmal nach, sondern versuchst, die Antwort aus dem Kopf zu holen. Erst dann schaust du nach.
- Die Abstände wachsen. Was du sicher weißt, kommt erst nach längerer Zeit wieder. Was du falsch hattest, kommt bald zurück.
Am einfachsten funktioniert das mit Karteikarten: Frage auf die Vorderseite, Antwort auf die Rückseite. Ob die Karten aus Papier sind oder in einer App stecken, ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass du dich abfragst und dass jemand (du selbst, eine Kartei oder ein Algorithmus) sich merkt, wann welche Karte wieder dran ist.
Die Vergessenskurve: was Ebbinghaus wirklich gemessen hat
Fast jeder Artikel zum Thema zeigt eine glatte Kurve, die in wenigen Tagen gegen null fällt. Die stammt nicht von Hermann Ebbinghaus. Der Psychologe hat in den 1880er-Jahren an sich selbst getestet, wie schnell er Reihen aus 13 sinnlosen Silben vergisst. Gemessen hat er nicht "wie viel Prozent noch da sind", sondern wie viel Lernzeit er beim zweiten Lernen sparte. Seine Werte stehen in seinem Buch Über das Gedächtnis (1885), Kapitel VII:

Ebbinghaus' echte Messwerte: Nach 20 Minuten sparte er beim Wiederlernen noch 58 % der Arbeit, nach einem Tag ein Drittel, nach einem Monat immer noch ein Fünftel. Die Kurve fällt nie auf null. Daten: Hermann Ebbinghaus, Über das Gedächtnis (1885), Kapitel VII. Grafik: Mindomax.
Zwei Dinge fallen auf. Erstens: In der ersten Stunde geht am meisten verloren. Zweitens: Danach wird das Vergessen sehr langsam, und die Kurve erreicht nie null. Nach einem Monat sparte Ebbinghaus immer noch ein Fünftel der Arbeit. Eine niederländische Forschungsgruppe hat den Versuch 2015 nachgestellt und ein sehr ähnliches Ergebnis bekommen (Murre und Dros, 2015).
Für dich heißt das: Die erste Wiederholung sollte früh kommen, am besten am nächsten Tag. Die späteren dürfen immer weiter auseinanderliegen, weil das Vergessen sich verlangsamt, und mit jeder erfolgreichen Wiederholung noch mehr.
Warum verteiltes Wiederholen besser wirkt als Pauken
Zwei Studien zeigen den Effekt besonders klar.
Karpicke und Roediger ließen Studierende 40 Vokabelpaare Suaheli-Englisch lernen. Wer sich die Wörter immer wieder abfragte, wusste eine Woche später rund 80 Prozent. Wer ein Wort aus der Abfrage strich, sobald er es einmal konnte, kam nur auf etwa 35 Prozent. Das Verblüffende: Alle Gruppen schätzten vorher, sie würden etwa die Hälfte behalten. Man merkt beim Lernen nicht, welche Methode besser ist (Karpicke und Roediger, Science 2008).
Cepeda und Kollegen testeten mit über 1.300 Teilnehmenden, wie groß der Abstand zwischen zwei Lerneinheiten sein sollte. Ihr Ergebnis: Der beste Abstand hängt davon ab, wann du das Wissen brauchst. Bei einer Prüfung in einer Woche lag er bei etwa 20 bis 40 Prozent dieser Zeit, bei einem Test nach einem Jahr nur noch bei 5 bis 10 Prozent (Cepeda u. a., Psychological Science 2008).
Als Faustregel:
- Prüfung in einer Woche: zweiter Durchgang nach ein bis zwei Tagen.
- Wissen, das ein Jahr halten soll: zweiter Durchgang nach etwa drei bis fünf Wochen, danach in wachsenden Abständen weiter.
- Alles dazwischen: Der Abstand wird größer, je später du das Wissen brauchst, aber nie so groß wie die Zeit bis zur Prüfung.
Warum das funktioniert, erklären wir ausführlicher in Wie wir tatsächlich lernen. Kurz gesagt: Ein Abruf, der etwas Mühe kostet, festigt die Erinnerung stärker als einer, der leichtfällt. Wer zu früh wiederholt, verschenkt Zeit. Wer zu spät wiederholt, muss neu lernen.
Welche Abstände die Werkzeuge wirklich nutzen
Hier wird es konkret. Wir haben nachgesehen, wie die drei bekanntesten Systeme die Abstände festlegen.
Die Leitner-Kartei (Papier)
Die Lernkartei stammt von dem Wissenschaftsjournalisten Sebastian Leitner und seinem Buch "So lernt man lernen" (1972). Ein Kasten hat mehrere Fächer, meist fünf. Neue Karten kommen in Fach 1. Weißt du die Antwort, wandert die Karte ein Fach weiter. Weißt du sie nicht, geht sie zurück in Fach 1. Die hinteren Fächer sind größer und werden seltener abgefragt, so entstehen die wachsenden Abstände von allein.
Eine verbreitete Variante: Fach 1 jeden Tag, Fach 2 alle zwei Tage, Fach 3 alle vier Tage, Fach 4 jede Woche, Fach 5 alle zwei Wochen. Feste Regeln gibt es nicht; wichtig ist nur, dass die Abstände nach hinten größer werden.
Anki mit den Standardwerten (SM-2)
Anki ist das bekannteste Programm für Spaced Repetition. Laut Anki-Handbuch lernst du eine neue Karte zuerst in kurzen Schritten (1 Minute, 10 Minuten). Danach kommt sie am nächsten Tag wieder, und jede Antwort "Gut" verlängert den Abstand um den Startfaktor 2,5. Wir haben das nachgerechnet:

Mit den Standardwerten von Anki (Startfaktor 2,5) wächst jeder Abstand um das Zweieinhalbfache: 1, 3, 8, 20, 50, 125 Tage. Sechs Abfragen decken so rund sieben Monate ab. Eigene Rechnung nach den Standardwerten im Anki-Handbuch (Stand: 10.10.2026), ohne Zufallsstreuung. Grafik: Mindomax.
Sechs Abfragen nach dem ersten Lernen reichen also für gut ein halbes Jahr. Bei einer falschen Antwort springt der Abstand zurück auf einen Tag, und die Karte arbeitet sich erneut nach oben. In der Praxis verschiebt Anki die Termine absichtlich um ein paar Prozent, damit nicht alle Karten am selben Tag fällig werden.
FSRS: der neuere Algorithmus
Seit Version 23.10 kann Anki statt SM-2 den freien Algorithmus FSRS nutzen. Er arbeitet nicht mit festen Faktoren, sondern schätzt für jede Karte, wie wahrscheinlich du dich gerade noch erinnerst. Du stellst nur ein, wie sicher du sein willst; Standard sind 90 Prozent. Höhere Werte bedeuten kürzere Abstände und deutlich mehr Wiederholungen pro Tag. Das Handbuch warnt, dass der Aufwand oberhalb von 90 Prozent schnell steigt.
Was davon für dich zählt: Alle drei Systeme setzen dieselbe Idee um. Papier ist am durchschaubarsten, FSRS am genauesten. Den größten Unterschied macht aber nicht das System, sondern ob du jeden Tag die fälligen Karten abarbeitest.
So fängst du heute an
- Wähle ein Thema mit klarer Prüfung oder klarem Ziel: Vokabeln, Fachbegriffe, Paragrafen, Formeln.
- Schreib pro Karte eine Frage mit genau einer Antwort. "Was bedeutet Ebbinghaus' Ersparnis?" ist besser als "Alles über Ebbinghaus".
- Lerne täglich wenige neue Karten, etwa 10 bis 20. Anki nimmt standardmäßig 20.
- Arbeite zuerst die fälligen Wiederholungen ab, dann die neuen Karten.
- Antworte ehrlich. Wer sich eine halbe Antwort als richtig durchgehen lässt, bekommt zu lange Abstände und vergisst trotzdem.
- Plane den Aufwand ein: Nach ein paar Wochen machen die Wiederholungen den größten Teil deiner Lernzeit aus. Wer jeden Tag 20 neue Karten lernt, hat bald ein Vielfaches davon an Wiederholungen.
Wie du speziell Vokabeln mit Karteikarten lernst, haben wir in Vokabeln lernen mit Karteikarten beschrieben.
Typische Fehler
- Karten zu groß machen. Eine Karte mit fünf Stichpunkten auf der Rückseite weißt du nie ganz, also kommt sie ewig wieder.
- Tage auslassen. Spaced Repetition verzeiht einen Tag, aber nach einer Woche Pause wartet ein Berg an fälligen Karten.
- Nur abschreiben, nicht verstehen. Die Methode hilft beim Behalten, nicht beim Verstehen. Erst verstehen, dann Karten schreiben.
- Zu viele neue Karten auf einmal. Die Wiederholungen von heute sind die Folge der neuen Karten von letzter Woche.
- Erst kurz vor der Prüfung anfangen. Bei einer Woche Vorlauf bleiben nur zwei, drei Durchgänge. Je früher du beginnst, desto weniger Zeit brauchst du insgesamt.
Spaced-Repetition-Apps im Vergleich
Eine App übernimmt die Planung, die bei Papier du selbst machst. Diese Apps haben wir uns angesehen; alle wurden in den letzten Wochen aktualisiert. Die Preise stammen aus dem deutschen App Store, In-App-Käufe, abgelesen am 10.10.2026. Abos ändern sich oft, also prüf den Preis vor dem Kauf.
Kurz zu jeder App:
- Anki ist kostenlos auf dem Computer, im Browser (AnkiWeb) und auf Android (AnkiDroid). Nur die iPhone-App AnkiMobile kostet 29,99 € einmalig (Stand: 10.10.2026) und wurde zuletzt am 8. September 2025 aktualisiert. Anki zeigt dir genau, wann eine Karte wieder dran ist, und kann FSRS. Dafür braucht der Einstieg Geduld, und die Standardkarten sehen nüchtern aus.
- phase6 kommt aus Deutschland und ist vor allem an Schulen verbreitet. Es gibt Vokabeln passend zu vielen Schulbüchern, etwa einzelne Lektionen für 11,99 € (Stand: 10.10.2026). Das Abo-Modell ist unübersichtlich: Silber, Gold, Platin und Diamant kosten zwischen 26,99 € und 59,99 € im Jahr (Stand: 10.10.2026). Für andere Fächer als Sprachen ist die App nicht gedacht.
- Repetico ist ebenfalls eine deutsche App, aber für alle Fächer. Beliebt ist sie bei Jura- und Medizinstudierenden. PRO kostet 2,99 € im Monat oder 19,99 € für zwölf Monate (Stand: 10.10.2026). Die guten fertigen Pakete kosten extra, zum Beispiel Strafrecht 24,99 € (Stand: 10.10.2026).
- cabuu ist eine deutsche Vokabel-App, die Wörter mit Gesten verknüpft. Monatsabo 9,99 €, Jahresabo 39,99 € (Stand: 10.10.2026). Für Fachbegriffe oder Definitionen ist sie nicht gedacht.
- Mindomax (unsere eigene App) erstellt Karteikarten mit KI aus deinen Texten, Fotos und PDFs und plant die Wiederholungen nach dem Prinzip der verteilten Wiederholung, wie auf unserer Seite zur verteilten Wiederholung beschrieben. Die App ist kostenlos, und Premium lässt sich im Konto gratis freischalten, derzeit bis Ende 2027 (Details zu Premium, Stand: 10.10.2026). Die Schwächen: Mindomax ist jung, die Bibliothek fertiger Kartenstapel ist klein, es gibt keine Funktionen für Lehrkräfte und Klassen, und KI-Karten solltest du vor dem Lernen kurz prüfen.
- Quizlet hat die größte Sammlung fertiger Kartensätze, auch auf Deutsch. Quizlet Plus steht im App Store mit 9,99 € und 44,99 € (Stand: 10.10.2026). Wann welche Karte wiederkommt, siehst du weniger klar als bei Anki.
- Brainscape lässt dich jede Karte von 1 bis 5 bewerten und plant danach. Pro kostet 20,49 €, 61,99 € oder 97,99 €, lebenslang 229,99 € (Stand: 10.10.2026). Die App gibt es nur auf Englisch.
- Noji ist eine schlichte Karten-App, die Anki ähnelt, aber nicht von den Anki-Entwicklern stammt; ihre Käufe heißen im Store noch "AnkiPro". Premium ab 4,99 € für 30 Tage (Stand: 10.10.2026).
- RemNote verbindet Notizen und Karteikarten: Du markierst im Text, was abgefragt werden soll. Pro kostet 17,99 € im Monat oder 179,99 € im Jahr (Stand: 10.10.2026). Nur auf Englisch, und für reines Vokabellernen zu umfangreich.
- AnkiApp heißt fast wie Anki, ist aber ein anderes Produkt eines anderen Anbieters. Unlimited kostet 9,99 € im Monat oder 34,99 € im Jahr (Stand: 10.10.2026). Wer Anki sucht, sollte genau auf den Namen achten.
Einen größeren Überblick über Karteikarten-Apps findest du in Beste Karteikarten-App 2026.
Fazit
Spaced Repetition ist keine Spezialtechnik, sondern einfach die Art, wie das Gedächtnis am besten behandelt werden will: früh die erste Wiederholung, dann immer größere Abstände, und jedes Mal selbst abfragen statt nachlesen. Mit einer Lernkartei aus Papier kannst du heute ohne Kosten anfangen. Wenn dir die Planung zu mühsam wird, nimmt dir eine App sie ab; Anki ist dafür der Klassiker, phase6, Repetico und cabuu sind gute deutsche Alternativen.
Und wenn du deine Karten nicht selbst abtippen willst: In Mindomax erstellst du sie mit KI aus deinen eigenen Unterlagen, und die App ist kostenlos.
Häufige Fragen
Was bedeutet Spaced Repetition auf Deutsch?
Spaced Repetition heißt "verteilte Wiederholung" oder "Wiederholung in wachsenden Abständen". Gemeint ist, dass du Lernstoff nicht am Stück wiederholst, sondern mit Pausen dazwischen, die mit der Zeit länger werden.
Wie oft sollte ich wiederholen?
Die erste Wiederholung am besten am nächsten Tag, dann nach etwa drei Tagen, einer Woche, drei Wochen und so weiter. Anki kommt mit den Standardwerten auf 1, 3, 8, 20, 50 und 125 Tage, solange du jedes Mal richtig antwortest.
Funktioniert Spaced Repetition auch ohne App?
Ja. Mit einer Lernkartei nach Sebastian Leitner und fünf Fächern funktioniert das Prinzip auch auf Papier. Du musst dir nur selbst merken, welches Fach wann dran ist.
Wie viele neue Karten am Tag sind sinnvoll?
Für den Anfang 10 bis 20. Anki nimmt standardmäßig 20. Wenn die täglichen Wiederholungen dir zu viel werden, lerne ein paar Tage keine neuen Karten.
Ist Spaced Repetition nur für Vokabeln geeignet?
Nein. Es eignet sich für alles, was du dir merken musst: Fachbegriffe, Definitionen, Paragrafen, Jahreszahlen, Formeln oder Anatomie. Für das Verstehen von Zusammenhängen ersetzt es aber nicht das Üben mit Aufgaben.




